Die U-3-Landschaft                     

Ein praktischer Leitfaden zur Entwicklung von Gruppenräumen für Kinder unter drei Jahren


Die Erlebniswelt von unter Dreijährigen ist für uns nicht ohne weiteres nachvollziehbar. Wir sind auf Beobachtungen und wissenschaftliche Befunde angewiesen, um daraus Rückschlüsse auf die Bedürfnisse der Kinder zu ziehen. Im Folgenden stellen wir ein Modell für die Entwicklung eines Gruppenraumes für unter Dreijährige vor. Als praktischer Leitfaden richtet es sich an Träger und einrichtende pädagogische Fachkräfte.

Das Modell baut auf 3 wichtigen Merkmalen auf, die Kinder im Krippenalter von Kindern im Kindergartenalter unterscheiden:
1. Kinder unter drei Jahren spielen meistens für sich alleine,
2. sie nehmen ihre Umgebung sehr unmittelbar mit dem Körper wahr, 
3. sie sind Lernanfänger, das heißt, sie entwickeln erst die Vorstellungen, nach denen wir die Dinge unserer Umwelt unterscheiden.

Der Leitfaden basiert auf dem Bildungsverständnis von Prof. Gerd Schäfer, den Empfehlungen für unter Dreijährige von Angelika von der Beek, sowie den Einsichten der Kognitiven Architekturpsychologie. Er ist anlässlich der Entwicklung eines Gruppenraumes für die Kita Mäusenest der Pro-Liberis gGmbH in Karlsruhe und in enger Zusammenarbeit mit der Kitaleiterin Anina Laber entstanden. 










 








  
1. Alleinspiel:

Wenn wir kleine Kinder beobachten, stellen wir fest, dass sie ständig in Bewegung sind. Sie erproben ihren Körper, erkunden ihre Umwelt und hantieren mit den Dingen, auf die sie dabei stoßen. Wenn sie sich dabei begegnen, kann sich ihr Spiel miteinander verbinden. In der Regel spielen sie aber für sich alleine.

Um diesem Verhalten der Jüngsten gerecht zu werden, sollte ein Gruppenraum sehr kleinräumig untergliedert werden. Eine Vielzahl von Räumen im Raum ermöglicht den Kindern, sich aus dem Weg zu gehen und ungestört für sich zu spielen. Gleichzeitig fördert die räumliche Intimität aber auch die Begegnung und die für die Kinder wichtige Interaktion zu zweit.

Wichtig ist, dass im Raum genügend Beschäftigungsmöglichkeiten für alle vorhanden sind. So kann sich ein differenziertes Parallelspiel entwickeln. Die Kinder sollten dabei zwischen aktiven und ruhigen Zonen wählen können. Mindestens ein Bereich muss so groß sein, dass auch gemeinsame Zusammenkünfte, wie der Morgenkreis, stattfinden können.



2. Körperlichkeit:

Kleine Kinder wenden sich ihrer Umwelt mit ihrem ganzen Körper und allen ihren Sinnen zu. Ein Gruppenraum muss ihrer Lust an der Bewegung Rechnung tragen. Die Kinder brauchen Stufen zum rauf und runter Steigen, Podeste zum Entlanghangeln, Höhlen zum rein und raus Krabbeln und Türme, um den Erwachsenen auch einmal ins Auge zu schauen.

Gruppenräume für unter Dreijährige müssen vom Boden her modelliert werden. So können auch auf kleinen Flächen „Landschaften“ entstehen, die immer wieder spannend sind und den Kindern genügend Gelegenheiten bieten, ihre Geschicklichkeit zu entwickeln. Um dem Explorationsverhalten der Kleinsten entgegen zu kommen, sollten dabei die Übergänge zwischen den unterschiedlichen Bereichen weich und fließend gestaltet werden.

Ein besonderes Augenmerk muss auf die sinnliche Qualität der verwendeten Materialien gelegt werden. Verschiedene weiche und harte Oberflächen, Holz und andere natürliche Materialien, aber auch gute Gerüche sind wichtig, damit die Kinder sich wohl fühlen und ihre Sinne entfalten. Wertvoll ist in dieser Beziehung auch der Einbau eines Bohnenbades oder großer Spiegelflächen.      



3. Lernanfänger:

Unter Dreijährige sind Lernanfänger. Sie entwickeln erst die Vorstellungen, mit denen wir die Dinge unserer Umwelt kategorisieren. Klassische Rollenspielmöbel setzen solche Vorstellungen aber voraus. Sie sind deshalb nicht altersgerecht. Vielmehr sollten die Einbauten in einen Gruppenraum vieldeutig sein und von den Kindern in immer neuer Weise gedeutet werden können.

Eine Kiste kann ein Tisch, ein Auto oder ein Bett sein. Derartige Gegenstände legen nichts fest und bleiben spannend. Darüber hinaus sollte die Einrichtung eines U-3-Gruppenraumes auch umbaubar sein. Das gibt den Erzieher*innen die Möglichkeit, sich immer wieder neue Situationen auszudenken und den Kindern damit Aufgaben und Herausforderungen zu stellen.

Ähnliches gilt auch für die Ausstattung des Raumes. Die Kinder brauchen kein aufwändiges didaktisches Spielzeug, sondern Alltags- und Naturmaterialien, die ihre Sinne ansprechen und der Fantasie freien Lauf lassen. So könnte beispielsweise ein Bereich mit „Zeug“ aus dem Haushalt ausgestattet werden, mit Töpfen, Besen oder Hüten. Ein anderer bietet den Kindern besonders sinnliche Materialien, wie Tücher, Steine und Kastanien - alles übersichtlich präsentiert in Körben.



Werfen wir zum Schluss noch einen Blick in die Kita Mäusenest. Wenn wir nach den praktischen Erfahrungen mit dem Konzept fragen, so fällt zunächst auf, dass die entwickelte „Landschaft“ den Raum sehr vielfältig und großzügig wirken lässt. „Die Kinder lieben ihren Gruppenraum“, so die Erzieherinnen. Sie halten sich dort gerne und lange auf. Schon nach kurzer Zeit entwickeln sie eine klare mentale Karte vom Raum, den sie dann souverän benutzen und damit zu Experten ihres eigenen Umfeldes werden.

Aber auch die Erzieherinnen fühlen sich durch den Raum unterstützt. Die starke Zonierung hilft ihnen, sich den einzelnen Kindern zuzuwenden und ihr Tun verständnisvoll zu begleiten. Zudem werden die flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten bewusst genutzt und der Raum damit als Werkzeug wahrgenommen, um den Kita-Alltag abwechslungsreich und erfüllend zu gestalten.  
   

   



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